Kerstin Schumacher hat ihren Traumjob beim Wittstedter Tierasyl gefunden. Fotos: van Veenendaal
Kerstin Schumacher hat ihren Traumjob gefunden. Fotos: van Veenendaal

Von der Notlösung zum Traumjob

Kerstin Schumacher arbeitet im Wittstedter Tierasyl Heimatlos

Von Susanne van Veenendaal

Wittstedt bei Hagen im Bremischen. Kerstin Schumacher hat ihren Traumjob gefunden. Seit 2010 ist die 51-Jährige im Wittstedter "Tierasyl heimatlos" für die Tiere und Gehege im Außenbereich zuständig. Jeden Morgen warten die Hühner, Schweine, Ziegen, Kaninchen und Co. schon ganz ungeduldig darauf, dass Kerstin Schumacher ihren Arbeitstag beginnt. Dabei wollte die gelernte Restaurantfachfrau zuerst gar nicht im Tierasyl arbeiten. Sie hatte ganz andere Pläne und träumte davon, eine Friedhofsgrünanlage zu pflegen. Doch das Schicksal hatte etwas anderes mit ihr vor. Zum Glück.

 

Traurige Tierschicksale gehören zum Job

 

Kerstin Schumacher öffnet das Gatter und betritt eine kleine Weide des Tierasyls. Sofort kommen drei Ziegen herbeigelaufen und hoffen auf eine kleine Nascherei. Schumacher enttäuscht sie nicht und zaubert ein paar Leckerein aus der Tasche. Dafür, dass die Ziegen noch gar nicht so lange im Wittstedter Asyl leben, sind sie schon recht zutraulich. "Die zwei Kleinen mussten von ihrer Mutter weg, der Ziegenbock wurde angebunden im Wald gefunden", berichtet sie. Auch das gehört zum Job: Traurige Tierschicksale und Taten von Menschen, die manchmal nicht nachzuvollziehen sind.

 

"Hinter jeder schlimmen Geschichte steckt auch immer ein Mensch"

 

Aber Kerstin Schumacher will nicht verurteilen. Klar, oftmals sei es schon schlimm, wenn die Tierschützer beispielsweise bei Beschlagnahmungen mit dabei seien, erzählt sie. Wenn Menschen mit ihren Tieren überfordert seien und alles nur noch nach Kot und Urin rieche, und man mit Polizei und Veterinäramt die Tiere herausholen müsse. "Aber es steht auch immer ein Mensch hinter dieser Geschichte", meint sie. "Und dieser jemand war vielleicht nicht immer so. Vielleicht ist in seinem Leben etwas Schlimmes passiert", wirbt sie für Verständnis. "Vielleicht ist sogar die Katze oder der Hund, den wir dann mitnehmen, der letzte Halt dieses Menschen."

 

Die Zukunft ist wichtiger als die Vergangenheit

 

Auch, wenn Tiere abgegeben werden, möchte sie nicht über die Besitzer richten. "Man weiß doch meist gar nicht, welche Gründe dahinterstecken. Vielleicht ist in der Familie gerade jemand gestorben", sagt sie. Wichtiger als die Vergangenheit sei die Zukunft der Tiere. "Ich achte schon darauf, wie das neue Herrschen oder Frauchen ist", verrät sie. Am sichersten sei es, wenn man sich das neue Zuhause im Vorfeld einmal angucken kann, oder das Tier zumindest selbst dort hinbringt.

 

 

Manchmal ist es schwer, cool zu bleiben

 

Wenn alles gut läuft, dann halte sich auch der Abschiedsschmerz in Grenzen, sagt Kerstin Schumacher. "Hier ist nur eine Durchgangsstation", das müsse einem immer bewusst sein. Doch manchmal seien die Ereignisse auch zu schlimm, um cool zu bleiben. Zum Beispiel, als ein Rottweiler des Asyls eine Ziege getötet hat. Praktikanten hatten das Ziegengehege nicht richtig verschlossen. Als der Hund dann nach draußen kam, habe er sich einen Ziegenbock geschnappt. "Und gerade dieser Bock, bei dem habe ich gedacht: Der kann auch gerne hierbleiben. Der war zahm wie ein Hund", erinnert sie sich.

 

Oder als ein Fuchs sich viele der Hühner geholt hat. "Ich kam morgens zu Arbeit, und überall lagen tote Tiere. Das war kein schöner Anblick", berichtet sie. "Aber ein Huhn konnte ich retten. Das habe ich wieder aufgepäppelt und jetzt läuft es hier putzmunter herum", freut sie sich.

 

Von wegen "dummes Huhn"

 

Hühner, die haben es Kerstin Schumacher ohnehin angetan. "Die haben so einen strukturierten Tagesablauf. Da könnte sich so manch ein Mensch eine Scheibe von abschneiden", meint sie augenzwinkernd. Morgens frühstückten die Tiere, später werde Siesta gehalten. Nachmittags werde vielleicht ein Ei gelegt und ein Sandbad genommen. "Später wird wieder gefressen. Wenn es dämmert, geht es ins Bett", berichtet sie. Von wegen "dummes Huhn". Die gingen sogar schon in den Stall, bevor es regnet.

 

Aus der Notlösung wurde ein Traumjob

 

Ein Leben ohne Tiere - das kann sich Kerstin Schumacher heute gar nicht mehr vorstellen. Dabei war der Job beim Tierasyl nur als Notlösung gedacht. Nachdem der Gastronomiebetrieb ihrer Eltern schloss, war sie zunächst arbeitslos. Als die Arbeitsagentur ihr eine Maßnahme vermitteln wollte, hatte sie schon genaue Vorstellungen: "Ich wollte unbedingt auf einem Friedhof die Grabpflege machen", blickt sie zurück.

 

Doch es waren noch acht Wochen zu überbrücken. Übergangsweise kam sie zum Tierasyl. Es wurde ein 400-Euro-Job daraus. Dann eine Teilzeitstelle. Heute arbeitet sie 30 Stunden in der Woche dort. Montags bis freitags von 8 bis 14 Uhr. Hinzu kommen die Bereitschaftsdienste, falls die Polizei beispielsweise mal wieder nachts irgendwo einen Hund gefunden hat.

 

Auch zuhause warten die Tiere

 

Job und Privatleben - mittlerweile lasse sich das gar nicht mehr so richtig trennen. Schließlich warten auf Kerstin Schumacher auch daheim ein Hund, Katzen, Gänse und Hühner. Bei aller Liebe: Ein Tier zu halten bedeute nicht nur zu Kuscheln, betont sie. "Eine Katze reißt schon mal die Gardinen herunter. Ein Hund macht mal sein Geschäft in der Wohnung. Und zum Arzt müssen auch alle irgendwann. Es ist nicht immer alles schick", das müsse jedem klar sein, der sich für ein Tier interessiert.

Am Ende seien solche unschönen Situationen aber immer schnell vergessen.

 

Bis zur Rente - "Das kann ich gut aushalten"

 

Unter dem Strich bereicherten die Tiere das Leben nämlich viel zu sehr. "Auch wenn man selbst mal keinen guten Tag hat: Die Tiere sind einem nie böse", meint sie. Eines steht für Kerstin Schumacher deshalb fest: "Ich würde hier am liebst bis zur Rente bleiben. Das kann ich gut aushalten", sagt sie und lächelt.