Margrit Reinhardt
Margrit Reinhardt

"Das ist meine Lebensaufgabe"

Die große Story: Papageienstation Arche Noah in Hoope (Stand 2016)

Manche Lebenswege erscheinen wie ein Abenteuerroman. Margrit Reinhardts Geschichte ist so ein Fall. Heute wohnt die 64-jährige Tierschützerin in Hoope. 42 Großpapageien leben auf ihrem Gnadenhof „Arche Noah", den sie gemeinsam mit ihrem Ehemann Ralf betreibt. Kaum jemand kann ahnen, über welch verschlungene Pfade das Schicksal sie schließlich ins Cuxland geführt hat. Alles fing damit an, dass sich Margrit Reinhardt einst in Hamburgs bekanntester Einkaufsstraße, der Mönckebergstraße, Werbeslogans ausgedacht hat. Doch dann lenkte ein einziger Satz ihrer Mutter ihr Leben in eine ganz andere Bahn. Eine Bahn, die Margrit Reinhardt sogar dazu brachte, mit 120 Papageien Zuflucht in der ehemaligen DDR zu suchen - ein verhängnisvoller Fehler, wie sie heute weiß. Doch beginnen wir von Anfang an.

Ein Leben zwischen VIP-Bereich und Wald-WG

 

Margrit Reinhardt war Anfang 20, da wohnte sie mit zwei Männern in einer Wohngemeinschaft - in den 1970ern wohl nicht ungewöhnlich. Nicht alltäglich war vermutlich eher der Ort der WG: ein Naturschutzgebiet in den Harburger Bergen bei Hamburg. "Das war eine wunderschöne Gegend zum Wohnen, mitten im Wald", erinnert sie sich. "Wir hatten ein kleines Haus aus dem 18 Jahrhundert gemietet. Das war ein richtiges Hexenhäuschen." Jeden Tag fuhr sie nach Hamburg zu ihrer Arbeit, eine Werbeagentur in der Mönckebergstraße. Dort tüftelte sie an Slogans beispielsweise für Audi, Remi Martin-Cognac und Macintosh-Bonbons. Später ging sie in die PR-Branche. "Das fand ich toll, wir hatten ständig mit interessanten Menschen zu tun." 1984 wurde Margrit Reinhardt schwanger, und hörte mit dem Job auf. Nach 15 Jahren in der Werbung habe sie eine gute Abfindung bekommen. Die sollte sie später noch brauchen.

Die grüne Amazone im Würfelkäfig

 

Als ihre Mutter eines Tages Futter für ihre Kanarienvögel in einer Zoohandlung kaufte, nahm alles seinen Lauf. "In dem Laden sitzt ein Papagei, der sagt immer ,Guten Tag'", sagte ihre Mutter zu ihr. Neugierig fuhr Margrit Reinhardt hin - und erschrak. "Der hockte in so einem kleinen Würfelkäfig, 40 Zentimeter hoch, breit und tief. So etwas ist heutzutage gar nicht mehr erlaubt", sagt sie. Sie legte 950 D-Mark auf den Tisch, und kaufte die grüne Amazone frei.

Hinter jedem gekauften Wildfang stehen neun tote Tiere

 

"Heute weiß ich, dass so etwas nicht richtig ist", meint sie. Denn die Händler besorgen sich sofort ein neues Tier. Das Grausige dabei: Hinter jedem Papagei, der im Geschäft angeboten wird, verbergen sich bei Wildfängen statistisch gesehen neun Tiere, die bei Fang und Transport sterben. Das alles läuft sehr brutal ab, weiß Margrit Reinhardt. "Oftmals werden die Schlafäste mit Klebstoff bestrichen", erzählt sie. Für die Tiere, die das überleben, geht der Horror weiter. "Die Schwungfedern werden mit Macheten gekappt. Nicht selten wird dabei ein Stück Ellenbogen mit abgehackt, was sie auf Lebenszeit flugunfähig macht."

Tortur im Flugzeug

 

Auch dann ist die Tortur noch nicht vorbei. Eingezwängt in kleine Käfige werden die Vögel in Flugzeugen verstaut und in die Abnehmerländer transportiert. "Zurück bleiben ihre festen Partner und ihre Kinder", erzählt die Tierschützerin. Damit die gefangenen Papageien keine Krankheiten einschleppen, werden sie zudem mit Antibiotika behandelt. Das Paradoxe an der Sache: Trotz des aufwändigen Fangs und des Transports sind Wildfänge mit einem Ladenpreis von rund 1000 Euro immer noch etwa dreimal günstiger als Nachzuchten, erläutert sie.

Das Geschäft mit der Handaufzucht

 

Das solle aber nicht bedeuten, dass die kommerzielle Zucht besser als der Wildfang sei, betont Margrit Reinhardt. Meist würden die Papageien von den Züchtern selbst aufgezogen. "Handaufzucht, das klingt doch gut, oder? Für die Käufer hört sich das toll an", sagt Margrit Reinhardt mit bitterer Ironie. In der Praxis bedeute das aber, dass die Tiere isoliert von ihren Artgenossen ihr Leben beginnen. "In der Natur bleiben sie hingegen rund ein halbes Jahr bei den Eltern. Danach schließen sie sich zu einem Junggesellenschwarm zusammen", erläutert sie. Weil Papageien so soziale und sensible Tiere sind, schreibe das deutsche Gesetz auch vor, dass die Tiere nur zu zweit gehalten werden dürfen. "Dann läge der Käufer jedoch schon bei etwa 6000 Euro. Rechnet man die Kosten für eine anständige Voliere dazu, kommt man schnell auf die Summe eines Kleinwagens", rechnet Margrit Reinhardt vor. Gekauft werde dann doch lieber nur ein einzelnes Tier. Damit nehme das Unheil nun endgültig seinen Lauf.

Ohne gefiederten Partner wächst die Aggression

 

Denn Tiere, die von Menschen aufgezogen wurden, denken, dass auch sie selbst Menschen seien, meint Reinhardt. Wenn sich der Geschlechtstrieb der Vögel melde - bei Handaufzuchten setzt dieser nicht erst nach fünf bis sieben Jahren, sondern schon ab zwei Jahren ein - dann wüssten die Papageien nicht wohin mit diesem Drang. Aggressionen gegen sich selbst oder gegen den Halter seien die Folge. "So passiert es in 90 Prozent der Fälle", sagt Margrit Reinhardt. Eine spätere Vergesellschaftung sei schwierig, weil die Tiere vor ihresgleichen Angst hätten. Schnell werden diese Tiere für die Besitzer deshalb zur Last. Weil sie sich selbst zudem die Federn herausreißen, sehen sie auch bald nicht mehr ansehnlich aus und werden nicht selten in den hintersten Ecken der Wohnungen versteckt.

Ein Leben in Gästeklos, Kellern und Schuppen

 

All dies hat Margrit Reinhardt hundertfach gesehen. Denn nachdem sie die Grüne Amazone aus dem Zoogeschäft befreit hatte, brauchte sie ja einen Partner für das Tier. Diese Suche war für sie - das sollte sie aber erst später wissen - die Eintrittspforte für ihr lebenslanges Engagement für Papageien. Über den Tiermarkt vom Hamburger Abendblatt fand sie einen Graupapagei als Weggefährten für ihren Vogel zu Hause. Ein Trugschluss. "Damals wusste ich noch nicht, dass die beiden überhaupt nicht zusammenpassen. Graupapageien stammen aus Afrika, Amazonen aus Südamerika. In der freien Wildbahn würden sich diese Tiere nie und nimmer begegnen und sie sprechen auch unterschiedliche ,Sprachen'", erzählt sie. Aber jetzt waren beide Papageien nun einmal da. "Jetzt brauche ich für beide jeweils einen Partner", habe sie sich damals gedacht. So fing es an. Denn auf ihrer Suche nach den beiden, habe sie zu viele Missstände erblickt. Papageien, die in Gästeklos, Kellern und Schuppen dahinvegetierten. "Das Schlimme dabei ist, dass diese Tiere über Jahrzehnte im Verborgenen vor sich hin leiden, weil sie ja so alt werden", berichtet sie. Margrit Reinhardt wollte so viele von ihnen retten wie möglich. Jeden Samstag studierte sie den Kleinanzeigenmarkt, zog los und kaufte oft Papageien aus schlechter Haltung frei. Zum Glück konnte sie finanziell von ihrer Abfindung zehren. "Bis zu 120 Großpapageien lebten zeitweise bei uns im Wald-Haus", erinnert sie sich.

Der erste Papageien-Verein Deutschlands

 

Zum Glück befand sich neben dem Haus eine leerstehende, marode Tischlerei. Gemeinsam mit den Mitbewohnern und ihrem ersten Ehemann wurde dort ein großes Gehege gebaut. Nach zwei, drei Jahren sei sie so bekannt gewesen, dass die Leute anfingen, ihr die Tiere zu bringen. Die Abfindung wurde langsam knapp. "Da habe ich den ersten Papageien-Verein Deutschlands gegründet. Damit wir Spendenbescheinigungen ausstellen konnten", blickt sie zurück. Innerhalb eines halben Jahres sei der Verein auf 120 Mitglieder gewachsen. "Das ging bundesweit durch die Presse."

Mit 120 Papageien über die Grenze

 

Doch Ende der 1980er Jahre dann der Schock: "Wir bekamen die Kündigung vom Vermieter", erzählt Margrit Reinhardt. Das Gebiet sei Bauland geworden. Die Tierschützerin stand vor einem Problem: Wohin bloß mit 120 Papageien? Das Schicksal zeigte einen Ausweg: Schon seit Längerem hatte sie Briefkontakt mit einem Tierpfleger aus Mecklenburg-Vorpommern gehabt. Er habe geschrieben: "Wenn ihr nicht wisst wohin, könnt ihr zu mir kommen." Damals existierte die DDR noch. "Da habe ich damals keine Ahnung von", erzählt sie. Sie traf die Entscheidung, mit den Vögeln nach Brunstorf, ein Dorf in der Nähe von Marlow, 35 Kilometer von Rostock entfernt, zu ziehen. Eine Mammutaufgabe. Für jedes einzelne Tier mussten die Papiere vorbereitet werden. Freunde besorgten einen riesigen Lastwagen. Die Reise begann. "Wir wussten, dass die Grenze fallen wird, aber noch war sie da", erzählt sie. An der Grenze hätten Soldaten gestanden. Sowjets mit Maschinenpistolen. Die Papiere jedes einzelnen Papageis sei von ihnen kontrolliert worden. "Die dachten bestimmt, dass wir Terroristen sind. Warum sonst sollte jemand in die DDR rein und nicht raus wollen?", meint Margrit Reinhardt.

Frust in der DDR

 

Kurz darauf fiel die Grenze. Brunstorf war eine Enttäuschung. Ein Geisterdorf mitten im ehemaligen Militärgebiet mit zehn Einwohnern, das nur über einen Panzerplattenweg zu erreichen war."Wir kamen nachts an, völlig erschöpft. Dann sahen wir unsere neue Bleibe: Es war ein alter Pferdestall, in den behelfsmäßig ein Zimmer und ein Bad hineingebaut wurde", erinnert sich Margrit Reinhardt. Aus den Wasserhähnen sei nur rostige, braune Brühe gekommen. Weit und breit habe es keinen Laden mit Futter für die Vögel gegeben. Aber man habe nicht zurück gekonnt. "Wir sind dann regelmäßig nach Hamburg und Lübeck gependelt, um Futter und Wasserkanister zu besorgen", berichtet sie. Zwei Jahre lang ging das so. Bis Margrit Reinhardt wieder ihre Papageien einpacken musste. In einer Nacht- und Nebel-Aktion floh sie zurück in den Westen.

Der Tierpfleger hatte ganz eigene Pläne

 

Was war geschehen? Hinter dem Rücken von Margrit Reinhardt hatte der Tierpfleger, der die Unterkunft gestellt hatte, nämlich ganz eigene Pläne, berichtet sie. "Sein Traum war es, in Marlow einen Vogelpark aufzubauen." Und zwar mit ihren Papageien. "Ihm kam unsere Situation gelegen", ist sich Margrit Reinhardt sicher. Auch in der Politik habe der Tierpfleger mit der Idee offene Türen eingerannt. "Da ging es um Fördergelder", sagt sie. Erst habe sie die Sache gar nicht schlecht gefunden. Doch dann lehnte sie ab. Um sie mürbe zu machen, habe die Politik deshalb ihren Bauantrag auf eine vernünftige Vogelvoliere auf Eis gelegt, sagt sie. Folge: Die ganze Zeit über hätten die Papageien behelfsmäßig in dem alten Pferdestall bleiben müssen. Doch damit nicht genug: Eines Tages, sollten plötzlich alle ihre Tiere wegen Seuchengefahr beschlagnahmt werden. Erst später habe sie erfahren, dass sämtliche Papageien im Rostocker Zoo kurz zuvor gestorben seien. "Die wollten ganz einfach die mir anvertrauten Papageien haben", meint sie.

Hilferuf aus der Telefonzelle

 

Doch der Tierpfleger und die Politiker hatten die Rechnung ohne Margrit Reinhardt gemacht. Die ließ sich nicht unterkriegen und schmiedete mit der Hilfe eines Hamburger Freundes, der heute ihr Ehemann ist, einen eigenen Plan. "Ich hatte ja immer noch meinen Verein in Hamburg. Dort, bei einem der Stammtisch-Treffen habe ich Ralf kennengelernt, der auch zwei Papageien hatte", erzählt sie. Von einer Telefonzelle in Marlow aus rief sie ihn an und bat um Hilfe. "Wir wussten, dass der Tierpfleger an einem Tag nicht vor Ort sein würde. Ich weiß nicht, wie Ralf es gemacht hat, aber er organisierte alles und besorgte einen Lkw." Die Papageien wurden eingeladen, und es ging los. Das Ziel: Loxstedt-Schwegen.

Von Mecklenburg-Vorpommern nach Loxstedt-Schwegen

 

Warum Schwegen? Dort hatte eine befreundete Papageienbesitzerin einen Resthof gekauft. Es wurde zum neuen Zuhause für die 120 Papageien. Margrit Reinhardts erster Mann half noch beim Umzug, ging dann aber zurück nach Hamburg. Der neue Partner an ihrer Seite wurde Ralf, mit dem sie bis heute den Gnadenhof betreibt. Sieben Jahre lang blieben die beiden mit den Tieren in Schwegen.

Dort sei vielen Dorfbewohnern der Gnadenhof zunächst ein Rätsel gewesen, erinnert sich Margrit Reinhardt. "Wieso habt ihr die ganzen Papageien? Kann man die essen? Oder zumindest die Eier oder die Federn gebrauchen?"- diese und ähnliche Fragen habe man dem Tierschützer-Paar gestellt. Es habe in der damaligen Zeit lange gedauert, die Idee vom Artenschutz-Projekt zu vermitteln, sagt sie.

 

Auch in Schwegen kam der Gnadenhof nicht zur Ruhe. Die Besitzerin des Gebäudes starb, und die Erben wollten die Immobilie anders nutzen. Wieder mussten die Vögel umziehen.

Happy-End in Hoope

 

Ein Haus in Hoope sollte das nächste Domizil werden. Dieses Mal sollte es für immer sein. Nachdem Margrit Reinhardt schon so oft mit ihren Papageien ihr Zuhause verloren hatte, sollte das neue Heim etwas Sicheres werden. "Wir hatten schon zwei Neuanfänge hinter uns. Deshalb haben wir das Haus in Hoope Mitte der 1990er gekauft. Seit gut 20 Jahren sind wir jetzt schon hier", erzählt sie. Das Haus habe man restauriert, und die Garagen zu einem Papageien-Schutzhaus mit angrenzenden Flugvolieren umgebaut. Hier in Hoope sollen die Papageien ihren Lebensabend verbringen können und so tiergerecht wie möglich gehalten werden. Die Zahl der Papageien hat sich mittlerweile auf 42 reduziert.

Die Aufgabe ihres Lebens

 

Obwohl nicht mehr 120 Vögel zu versorgen sind, ist die Arbeit auf dem Gnadenhof, die Margrit und Ralf Reinhardt leisten, nicht zu unterschätzen: Unterstützt werden die beiden von Langzeitpraktikanten und Ehrenamtlichen. Regelmäßig helfen auch Flüchtlinge mit, denen im Gegenzug bei Behördengängen, Arztbesuchen und dergleichen geholfen wird. Auch wenn die Tage lang sind, und die Arbeit nie aufhört: Für Margrit Reinhardt käme ein Aufgeben nie in Frage. "Ich glaube, dass jeder Mensch in seinem Leben eine Aufgabe hat. Und das ist meine", sagt sie. "Das ist meine Bestimmung." Sie fühle sich für diese "wunderschönen, hochintelligenten Kobolde der Lüfte" verantwortlich, meint sie. Ganz am Anfang sei es sogar ihr Ziel gewesen, die Tiere irgendwann einmal wieder auszuwildern. Das gehe aber nicht, habe sie feststellen müssen. Studien hätten ergeben, dass Papageien aus Menschenhand nicht mehr in der freien Natur überleben können, und sogar Krankheitskeime zu den wilden Tieren brächten.

Ein gutes Leben für Tier - und Mensch

 

Dann sollen die Tiere, die bei ihr leben, es wenigstens so gut wie möglich haben, findet sie. Aber nicht nur den Vögeln soll es gut gehen, auch sie selbst gebe auf sich acht. Trotz all ihrer Hingabe, sei deshalb ein gewisses Maß an Abstand zu den Tieren und ihrem Leid wichtig, erklärt sie. "Ich habe viele Leute kennengelernt, die zu viele Tiere aufgenommen haben und den Überblick verlieren", berichtet sie. Das sei ihr nie passiert. Schließlich müsse am Ende auch alles finanziert werden. Zum Glück sei ihr Mann Kaufmann, und habe auf diesen Aspekt noch einmal einen ganz eigenen Blick. "Ich kann nicht alle Tiere der Welt retten", sagt sie und ergänzt: "Ich kann auf Dauer nur Gutes tun, wenn es mir selbst nicht schlecht geht."

 

Mehr auf: www.papageienstation.de 

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